Paris (Hilton) is Burning: Über Medien, Authentizität und Geschlecht

Paris Hiltons Dokumentation wirft Fragen nach ihrer Glaubwürdigkeit auf. Übersehen wir da nicht eine wichtige Storyline?

“Do you think you’re gorgeous?” Die Frau hinter der Handkamera erwartet keine Antwort von dem Kind, das Paris Hilton ist und das versucht, sich der Frage zu entziehen. „Do you want to see a pretty face?,“ fragt das Mädchen stattdessen und hält ein Kaninchen in die Kamera. Wir sehen ihm bei dem Versuch zu, einer Objektifizierung durch die Kamera zu entfliehen – es wird ihm nicht gelingen: Paris Hilton, die von ihren Eltern als Kind „Star“ genannt wird, gilt als die Mitbegründerin des Papparazzi-Wahns und der Selfie-Kultur. Und auch der auf YouTube erschienene Film „This is Paris“ von Alexandra Dean folgt der Frau, die das Konzept des „famous for being famous“ perfektioniert hat, mit der Kamera bis ins Schlafzimmer.

Die viel diskutierte Dokumentation über Paris Hiltons Leben und Leiden erzählt zwei Geschichten, auch wenn die fast einhellige mediale Rezeption das nicht vermuten lässt: Wer sich Rezensionen zu „This is Paris“ durchliest bemerkt eine durchgängige Distanzierung von dem Filmprojekt, ja geradezu eine Art Unbehagen. Es wird in den aktuellen Trend zur Vermarktung von Traumata in Form von Celebrity Dokus eingereiht. Weil ihm „Authentizität“ und eine gewisse „Seriosität“ anhaften, scheint das Doku-Genre in der Tat ein beliebtes Medium zu sein, um mal ein ‚anderes‘ Bild von sich zu zeichnen. Die Verwendung einer Handkamera, der geringe Gebrauch von musikalischer Untermalung, die Interviews und die scheinbare Unvorhersehbarkeit der Handlung haben den Effekt, uns Zuschauer*innen ein Gefühl der Echtheit zu vermitteln. Die voice-overs der Stars gepaart mit Kameraeinstellungen, die jede Gesichtsregung überdramatisieren, geben uns den Eindruck, wir sind hautnah dabei und bekommen ungefilterten Input:

Wir sitzen mit Taylor Swift im Auto und hören zu, wie sie erstmals ihre Essstörung thematisiert, wir lassen uns von Mario Götzes Arzt etwas über dessen „Stoffwechselerkrankung“ erzählen und sehen, wie Lady Gaga vor Rückenschmerzen winselt. Das Leiden von Stars hat in Zeiten von #nofilter und Aufrufen nach mehr #realness Hochkonjunktur.

Die 2000er Jahre der unerreichbaren, unnahbaren Stars sind vorbei, die Royals (bis auf wenige Königinnen wie Beyoncé) sind von ihren Thronen gestiegen, um zu verkünden, dass sie es auch echt nicht leicht hatten.

Diese neue Art der Celebrity Doku eignet sich wunderbar, um sich neue Märkte und Zielgruppen zu erschließen, wie beispielsweise Menschen, die die perfekt zu Tode blondierte Plastik-Ästhetik der 2000er (wozu auch Paris Hilton gehörte) nicht mehr anspricht. Dass diese Dokus gerade Traumata fokussieren, lässt sich wohl auch in den Zusammenhang unserer sogenannten Therapiekultur stellen, in der die Suche nach der versteckten Bedeutung in unserem Inneren – wie eben in der Psychoanalyse – zum Lebensprojekt aller wird, um sich selbst zu finden. Die Einordnung des eigenen Leidens in eine größere Erzählung des Sinn des Lebens ist laut Eva Illouz1 nur die Fortführung der religiös-biblischen Erlösungsgeschichte und findet derzeit komische kapitalistische Ausformungen, wie eben Dokus, die als Image-Filme das Trauma zum Konsumobjekt werden lassen.

Die Frage nach der Glaubwürdigkeit und Authentizität steht daher verständlicherweise im Zentrum von Debatten über dieses Subgenre. Rezensent*innen stellen journalistischen Standards in Frage und vermuten einen finanziellen Zusammenhang. Dass gerade der monetäre Gewinn als Beweis dafür gesehen wird, warum die Darstellung einer Millionenerbin nicht ‚echt‘ sein kann, wirkt allerdings fast schon naiv, weil wir natürlich davon ausgehen können, dass alle Filmproduktionen in einen Markt eingebunden sind, der mehr als philanthropische Interessen bedient. Denn auch eine Netflix oder HBO Doku über Paris Hilton hätte das Ziel, sich zu verkaufen und selbst eine ARD Doku muss vermutlich von irgendwelchen Editorial Boards abgesegnet werden. Vielleicht wäre eine objektive Doku über Paris Hiltons Leben auch einfach extrem langweilig – wenn nicht gerade das der wichtigste Punkt wäre, den die Besprechungen der Doku zu vergessen scheinen: Es gibt keine objektive Darstellung der Realität, es gibt keine Authentizität, es gibt lediglich filmische Mittel und Produktionsbedingungen, die dich in ihrem Glauben lassen.

Es ist daher mühselig zu mutmaßen, was echt ist und was nicht. Und es verfehlt bedeutsame Aspekte. Was, wenn wir aufhören zu fragen, was real ist und uns mit der Geschichte befassen, die erzählt wird?

Dann erleben wir in knapp zwei Stunden die mediale Geschlechtererziehung einer Frau zur Jahrtausendwende. Pars Hilton wird als weibliche Erbin einer Millionärsfamilie geboren. Papa ist stolz und filmt seine Töchter permanent. Sie wachsen auf, während sie ständig mit der Außenperspektive auf sich konfrontiert sind. Die Tante resümiert, es habe zu viel Fokus darauf gelegen, wie schön Paris war. Gleichzeitig muss die Erbin lernen, die Reputation ihrer Familie zu bewahren, was in der New Yorker Oberschicht vor allem eins bedeutet: die Kontrolle der Nachkommen über die (weibliche) Sexualität. Paris beschreibt die Etikette, die sie erlernte, und die Regeln, den prüden Stil. Keine Dates, keine Schminke, keine Schultänze. Sie buchstabiert aus, was sich als Ideal weißer Weiblichkeit verstehen lässt: Reinheit, Bescheidenheit, Jungfräulichkeit, Passivität, Unterwerfung. Die Aufnahmen aus dieser Zeit, die uns als Zuschauer*innen präsentiert werden, zeigen eine groteske Puppenversion von Paris Hilton, mit gepuderten Wangen und starrem Haar.

Und dann bricht der Teenager aus. Paris entdeckt das Nachtleben für sich, schlägt über die Stränge, kleidet sich ‚vulgär‘. Die Mutter erinnert sich in einer Interviewszene mit Grauen daran, wie ihre Tochter eine Kette mit der Aufschrift „Hot Bitch“ trug.

Die Zähmung erfolgt prompt und heftig. Paris wird in mehrere Umerziehungscamps für „troubled teens“ geschickt (beziehungsweise mitten in der Nacht dahin entführt) und erlebt dort monatelange Demütigung und Misshandlung. Sie wird unter Drogen gesetzt und kommt zeitweise in Isolationshaft. Die heute fast vierzigjährige Paris ordnet diese Erfahrung des Missbrauchs, des Verrats der Menschen, die beschützen und lieben sollen, als Kernerfahrung in ihrem Leben ein, die alle weiteren gewalttätigen Beziehungen und ihren Vertrauensverlust bis heute bestimmet. So viel zu der eigenen Einschätzung ihrer Psyche.  

Interessant ist, dass die Zähmung nicht gelingt. Paris wird nach ihrem 18. Geburtstag entlassen, wenig später wird sie zum Symbol für eine neue Starkultur. Sie entwickelt, so beschreibt sie es selbst, eine Persona der frechen, verwöhnten, oberflächlichen Luxusgöre mit Babystimme. Es sind diese unheimlichen Momente, in denen Paris‘ Stimme in Sekundenschnelle von einer Frequenz in die andere wechselt, etwa, wenn eine Handykamera auf sie gerichtet wird oder ihr neuer Freund zu Besuch kommt, in denen wir sehen, dass längst keine Unterscheidung mehr zwischen Kunstfigur und Mensch Paris möglich ist, dass sie in Wirklichkeit nicht ohneeinander existieren.

Paris Hilton, das ist ebenso eine Performance, wie Geschlecht selbst.

Sich dumm stellen, lächeln, sexy sein. Das ist sowohl Paris‘ Kalkül als auch ihre Überlebensstrategie, die ins Fleisch übergegangen ist. Sonnenbrillen, die aus zwei riesigen Herzen bestehen, die blonden Löckchen, der winzige Hund:  Die Figur, die sie darstellt, wirkt fast wie eine Parodie ihrer Selbst. Ihre (Geschlechts-)Identitätsbildung ist wie in der westlichen Kultur üblich durch Erwartungen an korrektes weibliches Verhalten einerseits und mediale Framings, die jede Abweichung zelebrieren und vermarktbar machen andererseits bestimmt. In einer bemerkenswerten Szene zum Schluss der Doku bricht Paris in ihrer Ansammlung von Handtaschen, Schuhen und Luxuswaren, also von Objekten, die Weiblichkeit konnotieren, zusammen. Es bedeute ihr alles nichts, sagt sie.

Paris Hilton ist sicherlich kein Opfer, sie ist Komplizin in einer skrupellosen Schönheitsindustrie, sie hat, so sagt sie selbst, ein „Monster“ erschaffen. Zurecht wird auch von Journalist*innen angeprangert, dass ihre rassistischen und klassistischen Äußerungen in dem Film nicht thematisiert werden, weil sie nicht in das Opfer-Narrativ passen. Doch fernab von Fragen nach Täter*innenschaft oder Authentizität wirft die Doku Fragen nach der medialen Sozialisation und Inszenierung von Frauen auf, nach Geschlechterbildern, die unter die Haut gehen.

Die Aufnahmen von ihr als Kind wirken wie ein Paradebeispiel von dem, was wir als male gaze bezeichnen: Der männliche Blick durch die Kamera fokussiert das Äußere, er objektiviert. Vielleicht ist es Paris, die in der Doku nun die Kamera hält. Vielleicht ist es ein Versuch, ihr eigenes Bild zu kontrollieren, eine Version ihres Selbst zu entwerfen. Und vielleicht ist es gerade das Scheitern des Gefühls der Echtheit, das uns zeigt, dass alle (Geschlechter-)Performance unweigerlich misslingt.

1 Eva Illouz: Die Erretung der modernen Seele. Suhrkamp: Frankfurt am Main. 2009.

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